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Aus der Geschichte eines kleinen bayrischen Edelsitzes im Innviertel

Die letzte Edelfrau

Matthias Wasner, Vormoos

Als im Herbst 1861 der Edelmann von Otterfing, Josef Stadler (der achte und letzte Stadler und der vierte mit dem gleichen Vornamen), starb, war die große Zeit der Edelsitze schon lange vorbei. Seinem Urgroßvater Josef Stadler (I.) hatte die Kanzlei des Kurfürsten Max Emmanuel von Bayern in Burghausen am 10. Jänner 1729 auf dessen Großvaters Michael Stadler Rekurs vom 11. April 1679 gegen das Landgericht Braunau hin mitgeteilt: "Der adelige Sitz Otterfing ist frei-ledig eigen der Land-Tafel einverbleibt, davon er die Rittersteuern entrichten und auf gnedigsten Befehl zu erheischender Notdurft ein glit´ Pferdt samt einem geharnischten Reiter, auch mit Herrn von Baumgartten zu Ehring einen Hörwagen - und zwar jeder zu halbem Thaill - neben einem Pferdt und Knecht stöllen mueß. Der Inhaber des Adelsitzes Otterfing untersteht immediate in allen Real- und Personalsprüchen der kurfürstlichen Regierung Burghausen und ist mit keinem Actualquartier zu beschweren und zehendfrei."

Pfarrer Anton Obermüller und Oberlehrer Wendelin Richter haben uns in ihren handschriftlichen Chroniken diesen Text übermittelt; Pfarrer Obermüller schrieb in seiner - zum Teil auch gedruckten - "Chronik der Pfarrgemeinde Feldkirchen" noch dazu: "Pergamenturkunde in der Blechkassete im Archivkasten, 1. Stock". Leider war bis heute weder die Kassette noch die Urkunde zu finden.

Wie die Edelsitze entstanden, ist nicht ganz geklärt; sicher aber ist, dass manches ihrer Reche gegen die Bewilligung von Steuern regelrecht eingehandelt wurde. Dies ist von Herzog Otto von Bayern beim Landtag in Landshut 1312, von Herzog Albrecht in Bayern 1757 und von dem schon genannten Kurfürsten Max Emmanuel bekannt, der bei den Kämpfen gegen die Türken vor Wien 1683 und bei der Eroberung Belgrads eine Rolle spielte.

Nach einer Sage soll der Sitz der Adolfinger - der Name wandelte dann zu Oderfing und Otterfing - ursprünglich eine Burg auf der Höhe des bewaldeten Hügels zwischen Vormoos und Gstaig in der Gemeinde Feldkirchen bei Mattighofen gewesen sein, wo bis 1885 die kleine Kirche Burgkirchen stand; es sollen die Überreste der Burg zum Bau der Kirche Vormoos verwendet worden sein. Aber das ist sicher eine Sage; die Gegend, wo die Kirche stand, und die kleine Ortschaft in der Nähe hießen früher "Puechkirchen", also höchstwahrscheinlich "Kirche bei bzw. unter den Buchen".

Unter den Ministerialen der Grafen von Burghausen findet sich schon im zwölften Jahrhundert ein Heinricus de Adolvingen; 1140 schenkte Pabo von Iden (heute Ibm) ein Gut in Adolfing dem Kloster Michaelbeuern. Von Lienhard Peckh oder Leonhard Peckher zu Oderfing, dessen Grabmal sich in der Kirche Vormoos befindet, wissen wir, dass er Richter in Burghausen war; denn Urkunden aus der Zeit zwischen 1536 und 1549, von ihm gesiegelt, sind noch erhalten. Bis 1631 waren dann - ebenso wie auf den Edelsitzen der Umgebung in Ottenhausen, Herating, Landerting und "am Perg" bei Pischelsdorf - auch in Otterfing die Landrichinger (oder Landrechtinger) ansässig.

Aber das war alles schon lange her. Die Stadler (der erste - ein Adam - kam 1631 auf den Edelsitz) waren Bauern geworden, so wie die anderen Besitzer der Edelsitze in der Gegend auch. Schon 1597 schrieb Pfleger Eisenreich in einem Bericht über die Edelsitze im Gericht Oberweilhart von den Edelleuten, dass diese zwar kein "Scharberch" (Robot) leisten mussten, dafür "ein gerüst´ Pferd in das Feld halten" und - "was ihre Person anlangen tuet" - vor das Pfleggericht gehen musste wie jeder andere auch, nur dass sie schriftlich zu laden waren, nicht durch "Fronboten oder Schörgen". Gut 150 Jahre später - 1752 - hieß es in einer Konskription mehrerer dieser Edelleute, dass sie "weder des Lesens noch des Schreibens kundig" waren. Stadler konnte anscheinend lesen und schreiben, denn über ihn gab es keine Anmerkung dieser Art. Sein Besitz wurde mit "40 Bifang" angegeben, dazu "ein Holzwachs; Selbsteigentümer".

Auch in der Welt hatte sich seit Leonhard Peckher viel geändert: Das Innviertel war 1779 zu Österreich gekommen und - trotz der kurzzeitigen Wiederangliederung an Bayern durch Napoleon - bis jetzt bei Österreich geblieben. Durch Maria Theresia und ihren Sohn Josef II. waren Reformen in Gang gesetzt worden, die das Zusammenleben der Menschen auch auf dem Lande geändert hatten. Es gab keine Leibeigenschaft mehr, auch keinen Sonderbesitz, der "freieigen" war wie die Edelsitze. Das Gerichtswesen war nun viel besser geordnet; der Großteil der Menschen konnte lesen und schreiben. Zur Verteidigung der Grenzen und zum Kriegsführen standen ständige Heere bereit. Die "Gleichheit aller Menschen", wie sie die Französische Revolution predigte, war zwar noch immer nicht erreicht; aber "ähnlicher" waren sich die Menschen sicher geworden.

Der letzte Josef Stadler (geb. 1783) ehelichte 1804 Anna Maislinger vom Riezingergut in Höring, Pfarre Auerbach (der Hof war als "Sedelhof" ebenfalls in der Landtafel verzeichnet); das Paar bekam aber nur ein Kind, das mit drei Wochen an den "Freisen" starb. Josef Stadler muss sehr angesehen und hilfsbereit gewesen sein; denn in den Kirchenbüchern Feldkirchens schien niemand so oft als "Beistand" bei Hochzeiten auf wie er.
Da sie keine Kinder hatten, nahmen sie den Sohn des Schwagers bzw. Bruders - den Riezinger-Sohn Franz Maislinger - zu sich. Wann das war, ließ sich nicht feststellen; aber 1829, als - nach der ersten Erhebung der Besitzverhältnisse im Jahre 1788 - die Festlegung der Besitzgrenzen auch zeichnerisch in den sogenannten "Indikationsskizzen" erfolgte (die von fast allen Katastralgemeinden Oberösterreichs im OÖ. Landesarchiv aufbewahrt werden), finden wir Franz Maislinger schon als Besitzer des als "Filz" bezeichneten Grundstückes, einer mit Birken und Föhren bestandenen Moorfläche zwischen Vormoos und Otterfing, während alle anderen Grundstücke des Edelsitzes noch Josef Stadler gehörten.

Dieser "Filz" war 1788 noch im gemeinsamen Besitz der drei Bauern Otterfings und schien auf der Skizze als gleichartige Fläche auf. Jetzt ist aber schon seit vielen Jahren etwa die Hälfte des Edelmannanteiles Wiese ohne jeden Baum- oder Strauchbewuchs. Es ist nicht nachweisbar, aber sehr gut möglich, dass Franz Maislinger in der langen Zeit, da er auf die Übergabe des Besitzes wartete, dieses Grundstück, abholzte und so die Wiese schuf.

Erst 1847 - Josef Stadler war inzwischen schon 68 Jahre und Franz Maislinger 40 Jahre alt - erfolgten die Übergabe des Gutes und die Heirat Maislingers mit Theresia Angerer, einer Bauerntochter vom Eichergute in St. Georgen am Fillmannsbach. Sie war damals 35 Jahre alt und - nach dem Bild auf dem Grabdenkmal, das sie als alte Frau zeigte - ein sehr offener, selbstsicherer Mensch. Man könnte sagen, sie wäre eitel gewesen, da sie Wert darauf legte, mit "Edelfrau" angesprochen zu werden, und für diese Anrede arme Leute, die an ihre Tür klopften, mit einer größeren Gabe belohnte. Meine Großmutter aber, die mir dies erzählte, wusste auch ein Beispiel dafür, dass die Edelfrau wirklich von vornehmer Denkart war: Als der Hof abbrannte und Nachbarn Hausrat, den sie noch gerettet hatten, im Obstgarten abstellten, wollte die Frau nachsehen, was alles in Sicherheit gebracht worden war. Zunächst aber sah sie eine Frau, die gerade Schmalz aus einem Kübel stach und in ihrer Schürze verbarg. Über soviel Schlechtigkeit, schwer Geschädigte noch zu bestehlen, war die Edelfrau so erschüttert, dass sie einfach nichts tun konnte; sie drehte sich um und ging, ohne ein Wort zu sagen, weg.

Nach 13jähriger Ehe mit Franz Maislinger starb dieser an Gicht und Mandelentzündung. Die Witwe heiratete nach gut zweieinhalb Jahren den wesentlich jüngeren, erst 37 Jahr alten Franz Seraph Haizinger, einen Bauernsohn vom Jaglgut in Pfaffing, Pfarre Reichersberg, "am Bräuhaus in Neukirchen im Dienste". Die Edelfrau hatte weder in erster noch in zweiter Ehe Kinder. Und da es ihr anscheinend gut ging, betätigte sie sich gerne als Wohltäterin. Dies konnte sie umso leichter, als das Ehepaar am 17. Oktober 1871 den Hof verkaufte und in das Auszugshaus nebenan zog, wo es sich noch eine Kuh und eine Kalbin hielt. Der Kaufvertrag - auf neun eng beschriebenen Seiten - enthält ein genaues Inventarverzeichnis; der vereinbarte Auszug war genau festgelegt. Eigenartig war die Vielfalt der Maße. So wurden übergeben: "sieben Schaffl Korn, ein Schaffl Weizen, zwei Metzen Gerste, fünfzig Vierling Hafer ..." usw.; als Auszug wurde u. a. verlangt; "zwölf Metzen Korn, acht Metzen Weizen, sechs Vierling Gerste, vierundzwanzig Vierling Hafer, fünfzehn Vierling Erdäpfel, fünfzig Pfund Rindsschmalz, fünfzig Pfund Flachs von der Schwinge..., ein Frischling mit einem Zentner, in lebendem Zustand..., 4 Klafter zwei Schuh lange, trockene, weiche Scheiter; zwei Klafter zwei Schuh lange, trockene Buchenscheiter, zwei Klafter Knittel, zwei Klafter Widt und eine Spanföhre, eineinhalb Schuh überm Stock..., den vierten Teil der blauen Weintrauben..., sechsmal im Jahr für den ganzen Tag das Federnwagerl samt einem Laufpferde..."

Das Gut war damals - nach dem "Auszug aus dem Vermessungs- und Schätzungsansatze für das allgemeine Kataster 1871" - 58 Joch und 44 Klafter groß; davon waren gut 14 Joch Wald. Die Bezahlung des vereinbarten Kaufpreises von 16.900 Gulden wurde wie folgt vereinbart: 300 Gulden waren als "Angeld" schon bezahlt; 2000 Gulden wurden sofort erlegt; 2600 Gulden wurden zu Martini dieses Jahr bezahlt; 12.000 Gulden blieben auf den verkauften Realitäten und durften vom Käufer nicht aufgekündigt werden. Von 8000 Gulden sollten dann jährlich 2 Prozent, von 4000 Gulden jährlich 4 Prozent Zinsen bezahlt werden. Sollte aber der Käufer das Gut nicht behalten oder nicht einem seiner Kinder übergeben, sondern einem Fremden verkaufen, würde die Verzinsung für das ganze Kapital 5 Prozent betragen.

Der indirekt geäußerte Wunsch der Edelleute Haizinger, das Gut sollte nicht weiterverkauft werden, ging allerdings nicht in Erfüllung. Schon am 18. Dezember 1871 wurde der Hof wieder verkauft, und zwar um 18.200 Gulden, also mit einem Gewinn von 1300 Gulden. Erst der fünfte Käufer, der den inzwischen stark verkleinerten Hof im Jahre 1878 um 7650 Gulden erwarb, blieb wieder als richtiger Bauer auf dem Hof.

Von dem Geld, das die Haizinger erhielten, gaben sie unter anderem 800 Gulden für die Erneuerung der Kirche in Vormoos und ließen damit einen neuen Seitenaltar errichten, der allerdings später wieder entfernt wurde. Nach dem Tod ihres zweiten Mannes 1894 bekamen - genau nach den Anweisungen, die Frau Haizinger vor ihrem Tod gegeben hatte - Kirchen, Vereine und Institutionen beträchtliche Summen. Den Rest von 1468 Gulden vermachte sie einer ledigen Wirtschafterin mit zwei Kindern in Gstaig. Anscheinend aber brauchte diese das Geld nicht; denn erst am 7 November 1918 bestätigte diese zwecks Löschung im Grundbuch, dass sie 2937 Kronen samt Zinsen bar erhalten hatte.

Theresia Haizinger starb 1882 an Magengeschwüren; Pfarrer Obermüller schrieb in seine Chronik einen Satz, der die Schwäche der Toten für den Titel "Edelfrau" verriet, aber auch ein Lob für sie war, wie es schöner kaum sein konnte: "Sie war zwar nicht adelig vor der Welt, aber adelig vor Gott."

 

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