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Aus der Geschichte eines kleinen bayrischen Edelsitzes im Innviertel (2. Teil)

Die erste emanzipierte Frau

Matthias Wasner, Vormoos:

Eine "Geschichte der Edelsitze im Innviertel" könnte nur dann geschrieben werden, wenn auch die in den Archiven in Bayern liegenden "Quellen" benützt werden könnten. Bei der Ablassung des vorjährigen Berichtes "Die letzte Edelfrau" und bei der folgende Abhandlung "Die erste emanzipierte Frau" war dies nicht möglich; es im Landesarchiv in Linz und im Bezirksgericht Mattighofen, die Matriken der Pfarre Feldkirchen bei Mattighofen sowie Bücher über Bayern und verschiedene andere Unterlagen durchgesehen.

Der Edelsitz in Otterfing - er war zugleich der größte Grundbesitz in der Katastralgemeinde Vormoos, Gemeinde Feldkirchen bei Mattighofen - hat eine große Vergangenheit. Aus Urkunden wissen wir, dass die Adolfinger dem Dorf den Namen gaben, dass die Peckher, von denen einer Richter in Burghausen war, und dann die Landrichinger, die auch auf deren Edelsitzen der Gegend ansässig waren, dort saßen. Von 1631 bis 1847 lebten acht Generationen der Familie Stadler am Edelsitz; einem von ihnen bestätigte Kurfürst Maximilian Emmanuel von Bayern im Jahr 1727 in Burghausen: "Der adelige Sitz Oderfing ist frei-ledig eigen"; er brauchte weder Zehent noch Robot zu leisten usw.; aber einige Zeit später war es mit der Familie Stadler vorbei. Der Letzte nahm sich aus der Verwandtschaft einen Ziehsohn, dessen Frau sich gerne "Edelfrau" nennen ließ; aber sie hatte weder mit ihrem ersten Mann Franz Maislinger noch mit dem zweiten Gatten Franz Heitzinger Kinder. Und so verkaufte sie am 17. Oktober 1871 den Hof um 16.900 Gulden an den Bauern Peter Vitzthum aus Palting; dazu erhielt sie einen Naturalauszug und das Recht, ein paar Stück Vieh füttern zu dürfen. Das Auszugshaus mit dem Stall stand ganz in der Nähe des Edelsitzes.

Obwohl die Eheleute Heitzinger, um einen weiteren Verkauf des Hofes zu erschweren, im Vertrag festgelegt hatten, dass der Kaufpreisrest von 12.000 Gulden dann zu 5 Prozent zu verzinsen wäre (sonst nur zu 3 bzw. 4 Prozent), verkaufte Peter Vitzthum schon zwei Monate später den Hof um 19.200 Gulden an Anna Höller, Private in Salzburg. Wer bzw. wie alt Anna Höller war und wozu sie den Hof kaufte, ist nicht herauszufinden. Der Pfarrer von Feldkirchen verzeichnete am 7. Oktober 1878 die Hochzeit einer "Anna Höller, ledig, 33 Jahre alt, mit dem Witwer Peter Friedl, Inwohner in Altheim 8 bei Feldkirchen"; aber ob sie das war, ist nicht sicher. Reich war sie anscheinend nicht, denn schon am 27. Jänner 1872 wurde im Grundbuch eine Wechselforderung für Dr. Johann Gstirner mit 7200 Gulden vermerkt.

Kurze Zeit nach dem Kauf stellte sie beim Landesgericht Linz den Antrag auf Zustimmung zum Verkauf von Grundstücken. Ihr Besitz war als Edelsitz nicht im Grundbuch beim Bezirksgericht Mattighofen, sondern - so wie der Besitz der Adeligen, Klöster und Städte - in einem eigenen Grundbuch - der sogenannten "Landtafel" beim Landgericht in Linz - eingetragen. Sie stellte drei Anträge, die alle abgelehnt wurden. Wahrscheinlich gab ihr Dr. Gstirner den Rat, die Übertragung des Besitztes in das Allgemeine Grundbuch beim Bezirksgericht Mattighofen zu beantragen. Die Übertragung wurde durchgeführt, und Anna Höller konnte Gründe verkaufen.
Sie verkaufte: an die Nachbarn Josef und Anna Rieder (Veitl in Otterfing) an Andrä Höflmaier (Lang in Primsing), an Johann und Maria Meislinger (Roider in Primsing), an meinen Urgroßvater Georg Eder (Schauberger in Vormoos) und an Andreas und Genoveva Kirnstötter (in Haiderthal) eine Reihe von Grundstücken, Äckern, Wiesen und Wäldern, darunter auch das Waldgrundstück, auf dem die kleine Kirche des heiligen Johannes zu Burgkirchen stand. Das Verkaufen gestaltete sich schwierig, da auf den Grundstücken der Kaufpreisrest und der Auszug lasteten; wurde aber doch durchgeführt. Der Auszug an Brennholz wurde auf die Käufer von Wäldern aufgeteilt.

Anna Höller verkaufte so innerhalb von drei Jahren fast 19 Joch Grund um nicht ganz 10.000 Gulden, ohne die Kaufpreisschulden zu tilgen. Sie bezahlte weder die Zinsen dafür, noch leistete sie den Auszug. Es kam zu Klagen; im Grundbuch finden sich aus dieser Zeit auf dem Lastenblatt Eintragungen von "a-k".

Am 7. Juli 1875 kam es zur Versteigerung; Dr. Johann Gstirner, Advokat und k. k. Notar in St. Johann im Pongau, ersteigere den Besitz um 4000 Gulden. Aus der "Einantwortungsurkunde" des Bezirksgerichtes Mattighofen erfahren wir, welche "Satzposten" nicht zum Zug kamen, d. h., wer wie viel verloren hatte:

Die Eheleute Franz und Theresia Heitzinger: von den 10.000 Gulden des noch aushaftenden Kaufpreises: 6.531 Gulden, 41 Kronen
Zinsen dafür und Gerichtskosten: 63 Gulden
Dr. Johann Gstirner: für den Wechsel (er hatte den Wechsel gar nicht gemeldet): 7.200 Gulden
Dr. Josef von Meittinger, Advokat in St. Johann im Pongau:
für einen Wechsel: 3.738 Gulden
für Zinsen, Klage- und Pfändungskosten: 435 Gulden, 67 Kronen
zusammen: 17.968 Gulden, 08 Kronen

Dr. Gstirner hatte mit dem Hof anscheinend auch nicht viel Freude; denn schon drei Jahre später - am 5. März 1878 - verkaufte er ihn an Josef Bernroider um 7750 Gulden und den Auszug an die Familie Heitzinger, wie er im Vertrag von 1871 festgelegt worden war. Von Bernroider hieß es im Vertrag: "Pächter der Ökonomie in Bermoos, derzeit im Aufenthalt am Edelmanngut zu Otterfing".

Schon drei Wochen später verkaufte Josef Bernroider den Hof - sogar um 100 Gulden billiger - an Thomas und Theresia Kreuzeder. Warum der Hof jetzt billiger als vor drei Wochen zu haben war, ist nicht erklärlich. Vielleicht hatte Bernroider das Vieh verkauft? In diesem Vertrag wurde die Größe des Hofes mit 35 Joch und 1000 Klaftern angegeben.

Der neue Edelmann - 1831 als Sohn des Wernzl in Vormoos geboren - war Zimmermann und hatte sich mit seiner Frau Theresia - einer Hofbauerntochter aus Höslrein - im Jahre 1862 die Berglenzensölde in Vormoos mit einem Joch und 1000 Klaftern Grund gekauft. Die Sölde hatte später ihren Namen verloren, ist heute größer und gehört den Eheleuten Richard und Maria Andorfer.
1870 verkaufte Kreuzeder die Sölde und kaufte sich das Ulrichgut in Primsing mit 14 Joch und 376 Klaftern. Das Ulrichgut kaufte ihm nach dem Erwerb des Edelmanngutes (von "Edelsitz" sprach jetzt niemand mehr; auch im Grundbuch hieß es jetzt nur mehr "Edelmanngut") der Bauer Lang in Primsing ab, der die Grundstücke seiner Wirtschaft zuschlug und das Haus als Auszugshaus benützte, bis es vor einigen Jahren Städter erwarben.

Thomas Kreuzeder war ein temperamtenvoller Mann, weitum bekannt und wahrscheinlich der Gründer des Krieges- und Veteranenvereines Feldkirchen bei Mattighofen. Zu dieser Zeit trafen sich die glücklich aus Italien heimgekehrten Soldaten alljährlich am Johannistag zu einem Gottesdienst in der genannten Kirche in Burgkirchen, wozu sich auch der Wirt von Vormoos mit Speisen und Getränken und ein Lebzelter einfanden. Von Kreuzeder wird erzählt, dass er im Gasthaus in Feldkirchen den gefährlichen Verbrecher Frank (andere sagten, er hieß Königseder) dingfest machte.

Es ist sicher nur wenigen heute Lebenden bekannt, dass zu dieser Zeit die Ablösung verschiedener jährlicher Sammlungen durch eine einmalige Zahlung erfolgt. Im Grundbuch Mattighofen ist zB für das Edelmanngut eingetragen:
"... für die Ablösung der Wachtbrodsammlung für den Pfarrer: 80 Kreuzer; für die Ablösung der Koorperatorsammlung: 30 Gulden; für die Ablösung der Mesnersammlung in Vormoos: 10 Gulden ..."
Die Bezahlung der 30 Gulden und der 10 Gulden wurde - auf 20 gleiche, aufeinanderfolgende Jahresraten verteilt - vorgeschrieben. Zu dieser Zeit war auch noch "das Pfandrecht ob eines Subsistenzbeitrages per 38 Gulden auf Grund des Regierungsdekretes vom 26. Jänner 1847 ... für den Schullehrer in Vormoos" eingetragen.

Einen Schullehrer in Vormoos gab es seit 1877 nicht mehr. Nach dem Bau der dreiklassigen Volksschule in Feldkirchen bei Mattighofen war die einklassige Volksschule in Vormoos geschlossen worden. Da die Vormooser damit nicht einverstanden waren, fuhren Kreuzeder und Wernzl von Vormoos nach Wien, um sich beim Kaiser zu beschweren. Da sie aber keine Bestätigung der Gemeinde mithatten, wurden sie gar nicht vorgelassen und mussten ohne Erfolg heimfahren.

Von Kreuzeder sind heute noch Aussprüche und heitere Geschichten bekannt. Sein Spitzname war - nach einem von ihm gerne gebrauchten Kraftwort ("Plunder übereinander") - "der Plunder". Als er schon im Auszug, als und schwerhörig war, schüttelten einmal nachts Burschen den Birnbaum vor seinem Fenster, um Birnen zu bekommen. Seine Wirtschafterin rief laut: "Vetter, schiaß!" Er antwortete ihr aber ungerührt und laut: "Ja, wenn i a Bix (Büchse) hätt´!" - Er war schon sehr alt, als ihn ein Bekannter fragte: "Kreuzeder, wie geht´s?" Er schüttelte zweifelnd den Kopf: "´s Sterben wär´ mir allemal recht; aber 100 Jahre möchte´ i´ do a gern werdn!" Er wurde es nicht ganz. Am 19. April 1926 starb er, über 94 Jahre alt, an Altersschwäche.

Mit der Familie Heitzinger - die Frau starb 1882, der Mann erst 1894 - scheint Kreuzeder gut ausgekommen zu sein. Es finden sich aus dieser Zeit keinerlei Klagen. Nach dem Tode Heitzingers ersteigerte Kreuzeder auch dessen Nachlass und vier Grundstücke, die Heitzinger nach dem Verkauf des Hofes seinerzeit um 1055 Gulden verkauft hatte.

Wie fromm damals manche Leute waren, zeigt das eigenhändig geschriebene Testament Heitzingers: Vom Nachlaß hatten erhalten: je ein Drittel der Dombauverein Linz, der Kindheit-Jesu-Verein und der Verein zur Glaubensverbreitung. Kreuzeder aber war anscheinend nicht so fromm. Jedenfalls war es ortsbekannt, dass die drei unehelich geborenen Kinder seiner Wirtschafterin Maria Grabner, einer Nichte seiner Frau, von ihm stammten. Zwei Kinder starben frühzeitig; nur das am 25. April 1885 geborene Mädchen Katharina blieb am Leben. Nach dem Tode seiner Frau 1900 blieb die um genau 30 Jahre jüngere Verwandte bei ihm, erhielt nach seinem Tode weiterhin den Auszug und starb erst ein Jahr später als ihre Tochter.

Katharina Grabner - verehelichte Neureiter - muß man im Rückblick als emanzipierte Frau bezeichnen. Sie kam schon in ihrer Jugend in die Stadt Salzburg, um dort Kochen zu lernen, und fand bei dieser Gelegenheit auch ihren Mann. Als erste Frau in der Gegend ließ sie sich die Haare kurz schneiden. Sie verkaufte auch, soweit es ging, die Produkte des Hofes direkt in die Stadt, was wohl als Folge des Schwarzhandels in der Kriegs- und Nachkriegszeit verstanden werden kann. Ihr Mann Josef Neureiter - ein Bauernsohn aus Kuchl bei Salzburg - brachte, als er 1905 Edelmann von Otterfing wurde, zwei bis dahin hier ungebräuchliche Fertigkeiten mit: Er konnte mit Blechblasinstrumenten umgehen sowie aus Obst und Getreide Schnaps brennen. Neureiter gründete eine Musikkapelle und war lange Zeit deren Kapellmeister. Mit nur kurzzeitigen Unterbrechungen besteht seit dieser Zeit eine örtliche Musikkapelle.

Ob das Schnapsbrennen viel einbrachte, ist nicht bekannt; sicher aber ist, dass das Schnapstrinken für Neureiter eine Ablenkung von der Tatsache wurde, dass sich seine Frau immer weniger aus ihm und auch aus dem Hof machte. Sie war häufig vom Hof abwesend und hatte auch oft Besuche von Leuten nichtbäuerlichen Standes und städtischer Lebensart.

Das Ehepaar Neureiter hatte den Edelmannhof 1905 um 16.000 Kronen gekauft. Von dieser Summe waren2937 Kronen - jene 1468,50 Gulden, die Theresia Heitzinger seinerzeit der ledigen Wirtschafterin Theresia Weiß in Gstaig vermacht hatte und die bis jetzt noch nicht bezahlt worden waren - abzuziehen. 1600 Kronen und 600 Kronen hatte Kreuzeder 1879 von Verwandten sowie 5100 Kronen von der Sparkasse Mattighofen (ebenfalls seit 1879) aufgenommen, wohl verzinst, aber nicht zurückbezahlt. Der Rest auf 16.000 Kronen - 5763 Kronen - wurde geteilt: die eine Hälfte erhielt Thomas Kreuzeder, die andere sein Sohn Johann, der früh geheiratet und "Friedl in Gstaig" geworden war. Nach dem Tode seiner Mutter hatte er die Hälfte des mütterlichen Anteils - also ein Viertel des Hofes - geerbt. Johann Kreuzeder hatte die Tochter der vorhin genannten Wirtschafterin Theresia Weiß geheiratet, die vom Besitzer des Friedlgutes in Gstaig den Hof geerbt hatte. Friedl hatte wohl einmal geheiratet, seine Ehe aber war bald nach der Hochzeit für ungültig erklärt worden.

Die durch die Inflation der Nachkriegszeit bedeutungslos gewordenen Schulden des Ehepaares Neureiter waren durch neue ersetzt worden. Bald nach dem Tode Thomas Kreuzeders hatten die Eheleute das Auszugshaus mit einem Joch und 766 Klaftern Grund um 4500 Kronen an Anna Gerner verkauft. Das Wohnrecht für die alte Wirtschafterin wurde auf das Bauernhaus umgeschrieben. Im Grundbuch schienen wieder Forderungen auf: die der Sparkasse Mattighofen mit 3500 Schilling und die eines Landwirts aus Schwanenstadt mit 5000 Schilling. Was Katharina Neureiter aber bewogen hatte, für einen jungen Mann aus der Nachbarortschaft die Bürgschaft für die Bezahlung eines Lastkraftwagens zu übernehmen, wissen wir nicht. Vielleicht war es eine Liebschaft oder der Gedanke, mit dem Wagen leichter wegfahren zu können?

Obwohl der Lastkraftwagen nicht nur als Ersatz für das früher benützte Pferdefuhrwerk diente, Eier, Butter usw. nach Salzburg brachte und auf der Rückfahrt Waren für die Kaufleute der Gegend beförderte, sondern auch für Wallfahrten und für Fahrten zu Theaterbesuchen geeignet war, konnte der junge Mann die Raten nicht zahlen. Katharina Neureiter musste bezahlen. Sie nahm ihm den Lastkraftwagen weg; mit Hilfe eines zu diesem Zweck aufgenommenen Ehepaars betrieb sie eine Zeit lang selbst das Transportgeschäft. Aber auch das erwies sich als unrentabel.

Zu dieser Zeit mochte wohl in Katharina Neureiter der Gedanke an eine "radikale Lösung" aufgetaucht sein. Die Ausführung am 6. August 1932 abends scheiterte allerdings an etwas nicht Vorhergesehenem: Die brennende Kerze in der mit Petroleum gefüllten Lampe unter dem Reisigstoß an der Hinterseite des Stadels wurde gesehen und gelöscht, bevor sie einen Brand entfachen konnte. Ein Bauersohn aus der nächsten Ortschaft, der zu einem Mädchen gehen wollte, sah das Licht und weckte die Eheleute Neureiter. In der Chronik des zuständigen Gendarmeriepostens hieß es: "Der Verdacht, diese Brandlegung begangen zu haben, lenkte sich auf die Mitbesitzerin Katharina Neureiter, die jedoch am 29. August 1932 durch Selbstmord gestorben ist und nicht mehr zur Verantwortung gezogen werden konnte. Verdachtsgründe: Katharina Neureiter war eine Lebedame, unterhielt neben ihrem Gatten mehrere Liebesverhältnisse, machte Reisen nach Schallerbach etc., nahm ohne Wissen ihres Gatten verschiedene Beträge Geld auf und hatte zum Schluss zirka 30.000 Schilling Schulden, die sie durch Auszahlung bzw. Erhalt der Versicherungssumme teilweise zu decken glaubte. Ihr Lastauto ließ sie kurz vor der Brandlegung mit 14.000 Schilling versichern." Katharina Neureiter hatte am Vormittag Gift genommen und starb unter grässlichen Schmerzen am späten Nachmittag.

Nach ihrem Tode erfuhr Josef Neureiter erst, wie viel Schulden seine Frau gemacht hatte. Er gab einem Realitätenhändler den Auftrag, für ihn Grund zu verkaufen, da er sich schämte, selbst mit seinen Nachbarn darüber zu reden. Der Realitätenhändler schickte zu diesem Zweck Johann Edthofer, der noch vor ein paar Jahren der größte Grundbesitzer Feldkirchens gewesen war. Er war Gründer und erster Obmann der Molkereigenossenschaft "Bergland" in Ottenhausen bei Feldkirchen gewesen und später durch Spekulationen in kurzer Zeit völlig verarmt.

Es kauften im Herbst 1933:

Alois Gabis, Gstaig: 1.29 ha um 2.000,00 Schilling
F. u. Ch. Weilbuchner, Primsing: 1.09 ha um 1.445,50 Schilling
Alois Gerner, Otterfing: 1,15 ha um 1.598,00 Schilling
A.u. A. Hubauer, Vormoos:
(Hubauer kaufte den größten Teil des "Filzes") 1.44 ha um 1.000,00 Schilling
J. u. R. Voggenberger, Otterfing: 3.82 ha um 5.000,00 Schilling
zusammen: 8.79 ha um 11.043,50 Schilling

Nach dieser Verkleinerung des Hofes - die Schulden waren anscheinend doch nicht so hoch, wie sie die Gendarmerie geschätzt hatte - schien das Leben auf dem Hof wieder in Ordnung gekommen zu sein. Als aber im nächsten Frühling Josef Neureiter sah, wie die Nachbarn auf "seinen" Feldern arbeiteten, packte ihn die Verzweiflung; er schoss sich eine Kugel in den Kopf. Trotz dieser Verwundung antwortete er auf die nicht gerade humane Frage seiner Wirtschafterin, warum er denn nicht noch einmal geschossen hätte, er wäre nicht mehr stark genug dazu gewesen, und ging selbst zum Auto, das ihn in ein Krankenhaus nach Salzburg brachte, wo er nach mehreren Tagen starb.

Einziger Erbe des kinderlos gebliebenen Ehepaares Neureiter war der Adoptivsohn Karl Wolfgang, der schon als Kind auf den Hof gekommen war. Er war der Sohn des Bruders Josef Neureiters. Karl heiratete nach dem Tode des Vaters eine Bauerntochter aus Kapern (Gemeinde Feldkirchen), die mit viel Fleiß und dem als Mitgift erhaltenen Geld die Wirtschaft wieder in Ordnung brachte. Leider hatte Karl von seinem Adoptivvater nicht nur das Musizieren und das Schnapsbrennen, sonder auch das Schnapstrinken gelernt. Er starb, erst 27 Jahre alt, im Jahre 1934 nach einjähriger Ehe. Der Ehe entstammte eine Tochter. Seine Witwe heiratete nach einigen Jahren den Nachbarsohn und zog auf dessen Hof.

In den folgenden Jahren bewirtschafteten nacheinander drei Pächter den Hof, der jetzt 17,53 ha umfasst. Zwei der Pächter kauften sich aber nach einiger Zeit einen eigenen, kleinen Hof; einem Pächter starb die Frau; sie zogen also alle bald wieder weg. Als die Tochter Neureiters den Hof übernahm - sie hatte inzwischen einen Frächter und Tankstellenbesitzer geheiratet und war weggezogen --, wollte sie ihn "so nebenbei" bewirtschaften. Das ging nur kurze Zeit gut.

Jetzt sind die Grundstücke an verschiedene Nachbarn verpachtet; die hofnahen besitzt ein Viehhändler, der in einem Stall einige Schafe, im anderen sechs Jungrinder stehen hat, die er im Sommer auf der Weide hält. Die Ställe sind inzwischen unmodern und unpraktisch geworden; das Haus zeigt schon deutliche Spuren des Verfalls.

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