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Von Zauberern und Hexenmeistern

Der Hansrieder

An der Nordgrenze der Gemeinde Feldkirchen - am Wege von Aschau nach Haselreith - liegt an einsamer Stelle ein Bauernhof , der „Hansriada“ im Volksmunde genannt. Auf drei Seiten umgibt den Besitz ein großer Wald, das „Panholz“, des Gutes stammt offenbar vom ersten Besitzer. Die nahe um 1759 geweihte Kapelle trägt einen Inschrift, welche zum Gebete für den „ehrnfest und wohlfürnehmen“ Herrn Andreas Rieder, Pfleger in Aibling, mahnt.

Schon die Weltabgeschiedenheit dieses Gehöftes mag ein Grund für sagenhafte Geschichten über seinen Ursprung gewesen sein. Hier soll in alter Zeit ein Pfleggericht, nach anderen Angaben eine Strafanstalt bestanden haben und die Sträflinge in unterirdischen Räumen untergebracht worden sein. Beim Kellergraben entdeckte man einen Totenkopf, welcher von einem Gefangenen herrühren soll. Beim Bau der Kapelle saß alle Tage im Werkzeugkorb des Zimmermanns eine Kröte. Er warf sie jeden Tag öfters hinaus, im nächsten Augenblick saß sie wieder drinnen, ohne daß er sie hätte hineinhüpfen sehen. Da ließ er sie endlich in Ruhe. Als der Dachstuhl der Kapelle fertig war, war die Kröte verschwunden. An der Stelle, wo jetzt die Kapelle steht, soll einst ein Schloß gestanden sein, woran noch der Name „Schloßmann“ einer Sölde erinnert.

Das Volk erzählt sich so manches vom alten „Hansriada“ - er soll der Urgroßvater des jetzigen Besitzers gewesen sein - der viele Zauberbücher besaß und mit deren Hilfe er geheime Künste durchführen konnte. Alle Jahre in der Mettennacht von 12 bis 1 Uhr stand er im Totenkreis. Er zog einen Kreis um die Kreuzung der zwei Totenstraßen, auf welcher die Feldkirchner und Eggelsberger ihre Toten zu Grabe trugen. Da zeigte ihm der Teufel alles, was im kommenden Jahre geschehen würde.

Der Hansrieder wußte es auch genau, wann etwas Verdächtiges im Anzuge war, wenn im gefährliche Menschen „Besuch“ abstatten und seine Habe gefährden wollten. So blieb er auch einmal in der Mettennacht daheim und richtig kamen Diebe, die umso leichter eindrangen, als er das Haus absichtlich offengelassen hatte. In der „Stubn“ bei der „Hennabank“ führte eine Stiege in die „Stubenkammer“, hinter welcher sich der Hansrieder versteckte. Nachdem die Diebe, welche ihre Gesichter mit Ofenruß unkenntlich geschwärzt hatten, sich eingeschlichen hatten, ließ er sich blicken, machte Licht und lud sie ein, sich zu setzen, und sagte: I bring eng’s Geld glei, sitzt’s eng daweil und schneid’s eng a Kletznbrot ab!“ Dann brachte er ihnen einen Krug voll Most und eine Schüssel voller Kupfer- und Silbergeld, die er mitten auf den Tisch stellte.

„Da nehmts eng, was’s mögts!“ aber keiner von den Kunden (Männern) konnte zugreifen, weder um Kletzenbrot oder Most, noch nach dem Geld und aufstehen konnte auch keiner. Sie waren durch den Zauber des Hansrieder „anbundn“. So mußten sie sitzenbleiben, bis die Hausleute aus der Kirche heimkamen. Nun nahm der Hansrieder einen nach dem anderen von seinen Gästen her und wusch ihnen den Ruß vom Gesicht. Es waren durchwegs Vettern und Gevattern von ihm.

Einmal kamen Zigeuner, machten auf der Tenne zwischen den „Oes’n“ ein Feuer, ohne daß die Flammen das Stroh erfaßten und sotten in einem Holzsöchter (Holzkübel) Kraut. Der Hansrieder kam dazu und befahl ihnen, das Feuer auszulöschen. Die Zigeuner gaben ihm zur Antwort, daß durch ihre Kunst das Feuer ohnedies nicht weiter um sich greife und ließen es brennen. Da nahm der Hansrieder eine „Habernreiter“ (Hafersieb), ging zum Brunnen und füllte sie mit Wasser. So trug er sie zum Feuer und löschte mit den Worten: „Kunt aba deat (doch) brinnat werdn“ aus. Nun sahen die Zigeuner, daß der Bauer mit den Zauberkünste noch besser als sie bewandert sei und machten sich eiligst davon.

Ein anderes Mal, als der Hansrieder auch wieder allein daheim war, kamen Diebsleute und wollten Getreide stehlen, da sie meinten, es sei niemand im Haus. Ohne den Hansrieder, der ihnen zusah, bemerkt zu haben, legten sie die Säcke auf den Wagen. Als sie aber wegfahren wollten, kamen sie nicht von der Stelle. Sie mußten warten, bis die Hansriederleute heimkamen.

Eines Morgens meldete die Dirn, sie habe auf dem nahem Apfelbaum einen Dieb gesehen, der Bauer solle ihn „vosprenga“. „Laß´n obn, bis a gnuag hat“, meinte dieser und ließ ihn bis 9 Uhr vormittags auf dem Apfelbaum droben „tschechan“.

Einmal wurde dem Hansrieder ein Ochs gestohlen und im nahen Wald an einen festen Baum gebunden. Der Bauer rief das Vieh beim Namen, der Ochs riß den Baum um und lief heim.

Einmal sagte der Knecht: „Baua, schau, die dort stehln da alle Zwetschken.“ Da meinte der Bauer: „Laß s´nur, dan haben wir koan Arbat.“ Als die Zwetschkendiebe ihre Arbeit beendet hatten, rief ihnen der Bauer zu, sie sollten mit ihren Säcken zu ihm kommen. Die Diebe mußten kommen, der Bauer nahm ihnen die Säcke ab und ließ sie laufen.

Der Hansrieder konnte auch sonst allerhand. Wurde irgendwo etwas gestohlen, so war er imstande, es wieder herzuschaffen. Einmal kam eine Frau zu ihm und jammerte: „Mir habns mei Halskettn gstohln, kannst ma s´nöt wieda bringa?“ „Ja“ sagte der Hansrieder, „gfreun tuats mi nöt, aba i wird dir´s schon bringa, wanns (die Diebe) nöt über Wassa hand, wanns aba üba a Wassa hand, kann i dös nöt bringa“. Nach ein Paar Tagen lag die Halskette beim Hansrieder auf dem Tisch.

In der Lineckersölde in Höfen (Gemeinde Uttendorf) lebte ein altes Mutterl, das in ihrer Jugend beim Hansrieder Dirn gewesen war. Diese erzählte aus ihrer Dienstzeit beim Hansrieder folgende Geschichte: Einmal habe sie zu ihm gesagt: „Hansriada, du kannst eh nix!“ Er gab zur Antwort: „Wart, i krieg die schon amal!“ Einige Zeit hernach hatten die Dienstboten im Streuholz (Moorstreu) zu tun. Man hatte eben gejausnet und wollte nun mit einem Fuder Heu wegfahren, kam aber nicht vom Fleck.

Die Dirn wollte heimgehn, eine andere Arbeit tun, konnte aber nicht aufstehn, bis der Hansrieder kam. Einmal war beim Hansrieder niemand daheimgeblieben als eine Dirn, die gamte (Haus hüten), und die Kinder. Diese erwischten das Zauberbüchl des Hansrieder, und ohne zu wissen, was es sei, begannen sie daraus laut vorzulesen. Auf einmal war die Stube voll schwarzer Mäuse. Die Dirn war in schrecklicher Angst, sie wußte gar nicht mehr, wo sie sich hinstellen sollte vor lauter Mäuse. Als der Hansrieder heimkam und die Mäuse sah, schaute er finster drein, nahm das Büchl und fing von rückwärts zu Lesen an. Sofort verschwanden die Mäuse.

Als der Hansrieder fühlte, daß es mit ihm zu Ende gehe, schaffte er seiner Dirn an, die Bücher zu verbrennen. Aber so oft sie diese in den Ofen warf, flogen ihr die brennenden Bücher jedesmal ins Gesicht; erst dann verbrannten sie, als der Hansrieder selbst sie dem Feuer übergab. Einen Teil von den Büchern aber ließt er unter dem Altar der Kapelle zu Hansried, die er selbst erbaut hatte, einmauern.

Der Hansrieder soll sehr reich gewesen sein. Seine Schätze hatte er im Hause vermauert. Sein Sohn oder Enkel, der das Gut später besaß, suchte nach diesem Schatz. Die Mauer der Milchkammer klang merkwürdig hohl, deshalb ließ er die Maurer kommen und die Mauer niederreißen. Nach langer, mühevoller Arbeit kamen sie so weit, dass sie die Ecke einer Kiste erblickten. Sie wollten schnell weiterarbeiten, da packe sie auf einmal solches Entsetzen, daß sei nicht mehr arbeiten konnten. Die Mauer wurde wieder aufgebaut und die Kiste ist bis heute noch nicht gehoben.

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